Pädagogischer Tag:
50 Musikerzieher stehen im Kreis, und sollen den spielerischen Umgang mit ihrer Stimme trainieren - im Blickfeld: Großgruppenunterricht. Der Trainer hält etwas zwischen seinen Händen verborgen, das zu leben scheint: "Sssssssssssssssssssssssss- summmmmmmmmm" macht er mit seiner Stimme, und bewegt seine Hände hin und her. Auf einmal öffnet er sie, und wirft das gewisse Etwas durch die Luft seinem Gegenüber zu. Das ist die Aufgabe bei diesem Spiel: es aufzufangen, irgendetwas damit zu machen, und es weiterzuwerfen - das ganze mit Stimmgeräuschen untermalt. Schnell wird allerlei Schabernack getrieben, die Szenerie wird reichlich albern - und zunehmend brutaler, dem kleinen, empfindlichen Lebewesen gegenüber. Selbst wenn es nur ein Fantasiegebilde ist, so fühle ich mich äußerst unwohl. Niemand scheint zu ahnen, dass Gedanken eine Macht sind, im Positiven wie im Negativen.
Ich möchte nicht an die Reihe kommen, fühle mich hilflos der Sache ausgeliefert. Wie kann ich mich schützen? Ich wende meinen Blick von dem, der gerade dran ist, ab, und schaue an ihm vorbei - in der Hoffnung, dass der Kelch dadurch an mir vorüber geht. Angst bestimmt in dieser Situation mein Handeln, und somit bin ich "fremdbestimmt", ein unfreies Wesen. Das entspricht nicht meinem sonstigen Verhalten, und es ist weder aufrichtig noch natürlich.
Da erhellt sich blitzartig mein Bewußtsein: "Ich fange das kleine Ding behutsam auf, tröste und liebkose es!" In Gedanken streichle ich es vorsichtig mit meinen Fingern. Die Angst verliert sich. "Was werden die Anderen von mir denken?" Ich pfeif' drauf, und schaue gestärkt in die Runde.
Der Trainer bricht ab, und viele sind froh - ich kam nicht dran, doch war ich bereit, den Kelch zu trinken.
Gruß Axel

